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Ortsgeschichte
Zur Befestigung des Dorfes Steinfurth
von Heinrich Henß (+)
Im Mittelalter und bis ins 19.
Jahrhundert hinein waren die deutschen Lande häufig von Kriegen heimgesucht, unter deren
Folgen hauptsächlich das flache Land zu leiden hatte. Dazu kamen die vielen Fehden und
Kämpfe der kleinen Fürsten und Herren. Der Bauer war in ständiger Gefahr, Leben und Gut
zu verlieren und war allen Verwüstungen schutzlos preisgegeben. Der Bürger in der Stadt
fand hinter festen Mauern sicheren Schutz. Deshalb wurden auch viele Dörfer mit einer
Befestigung versehen.
Auch das durch seine Rosenzucht
weithin bekannt gewordene Dorf Steinfurth war im Mittelalter befestigt. Es war zwar nicht
mit dicken Mauern umgeben und hatte keine hohen Wehrtürme wie die Stadt Friedberg. Seine
Befestigung bestand nur in einem tiefen, breiten Graben, der aber nicht unter Wasser
gesetzt werden konnte; denn die Wetter fließt unten im Tale. Der Graben bildete die
nördliche, höher gelegene Grenze des Ortes, wo heute die Schulstraße hinzieht und lief
da, wo die Neugasse ist, abwärts zur Wetter. Unterirdisch führt heute ein Kanal in der
Richtung des Grabens die Abwässer in den Fluß. Die ausgehobene Erde war auf der
Innenseite des Grabens als Wall aufgeschüttet und mit Hainbuchen, Weißdorn, Hasel und
Holunder bepflanzt. Im Laufe der Jahre hatte sich durch Verflechtung der Triebe eine
undurchdringliche hohe Hecke gebildet. Die Gesamtanlage hieß Hain und stand
unter besonderem Schutz der Löwschen Herrschaft und der Gemeinde.
Es war bei Strafe verboten, den Hain
durch Holzschlag zu beschädigen oder den Weg durch den Hain zu nehmen. Dafür waren die
Tore an den Ortsausgängen da. In einer Gerichtsordnung der Herren von Löw aus dem 17.
Jahrhundert heißt es an einer Stelle: Es soll keiner unserer Nachbarn (Untertanen,
Einwohner) durch den Hain Wege oder Pfade machen und soll niemand den Hain durch abhauen
beschädigen bei Strafe eines Gulden und den Gerichtsgebühren. - Feldfrevel und
andere Vergehen der Untertanen wurden der Herrschaft von dem Rugegericht angezeigt und von
ihr bestraft. 1740 zeigen zwei Gerichtspersonen als rugbar an (rügen=
anzeigen, strafen), dass als sie den Hain besichtigt, Johannes Ullrich in dem Haingraben
Hasel- und Holundertreiser abgemacht und damit durchgegangen sei. Er wird mit einem
Gulden und den Gerichtsgebühren bestraft. 1738 werden zwei Untertanen bestraft,
weil sie von Karfreitag auf Samstag auswärts Holzfrevel begangen, auf dem Rückweg
durch den Hain gebrochen sind. Den Weg musste man stets durch die Tore nehmen, durch
die die Ortsausgänge gesichert waren.
Steinfurth hatte damals zwei Toren
(Pforten), eine Oberpforte und eine Unterpforte. Diese wurden abends geschlossen und
morgens wieder geöffnet. Es bestanden darüber bestimmte Vorschriften der Herrschaften.
Die Pfortenschließer mussten diese Bestimmungen befolgen und bekamen für ihre Tätigkeit
eine festgesetzte Vertgütung. In unruhigen Zeiten blieben die Tore auch tagsüber
geschlossen. An Sonn- und Feiertagen durften die Tore unter der Predigt, d.h.
während des Gottesdienstes nicht ohne Erlaubnis der Herrschaft geöffnet werden. Die
Oberpforte befand sich am Nordausgang des Dorfes und war ein fester Balken- und
Bohlenverschlag mit ansehnlichem Mauerwerk. Neben der Oberpforte wohnte der
Gemeindebäcker. Er war zugleich der Pförtner dieses Tores. Eine Urkunde aus dem Jahr
1659 sagt: der gemeine Becker (Gemeindebäcker) soll die Pfort, anstatt
Backhauszins, schließen und soll ihm ein Krautgarten von der Gemeinde gegeben
werden. In einem Gerichtsprotokoll vom 24. November 1738 heißt es: Die
hiesige Gemeinde hat das gemeine Backhaus (Gemeindebackhaus) bei der oberen Pforte an
Johann Philipp Falk allhier verkauft mit der Bedingung, dass der Käufer die Oberpforte
auf- und zuzuschließen übernimmt. Die Vorfahren der Familie Falk, heute
Oberbäckersch genannt, waren seit dieser Zeit die Pfortenschließer der
Oberpforte. Die dort nach Norden ziehende Straße heißt noch
Oberpforte. Über dem Tore befand sich das Löwsche Wappen. Aus verschiedenen
Gemeinderechnungen geht hervor, dass das Tor 1834 abgebrochen worden ist.
Die Unterpforte schloß das Dorf nach
Süden ab. Im übrigen bildet im Süden und Südwesten die Wetter einen natürlichen
Schutz. Als Beleg für das Vorhandesein der Unterpforte führe ich ein Gerichtsprotokoll
vom Jahre 1659 an. Es heißt dort u.a.: Hyronimus Schöffer soll die Unterpfort
schließen und soll ihm von dem Brennereibau ein Reichsthaler gereicht werden. Vom
Untertor führt eine hohe Mauer, die gleichzeitig einen der großen herrschaftlichen Höfe
abschloß, zum Obertor. Im Nordwesten war das Dorf zu und hatte hier weder Tore noch einen
Ausgang. Die Straße nach Oppershofen war noch nicht da, ebenso wenig die Hauptstraße
innerhalb des Ortes in ihrem heutigen Ausbau. Als Abschluß und Befestigung führte hier
der erwähnte Haingraben nach Süden zur Wetter.
Die Einfriedigung des Dorfes gibt
zugleich ein Bild der ursprünglichen Größe des Ortes. Alle Häuser, die heute
außerhalb dieser einstigen Dorfbefestigung liegen, sind noch nicht alt. Das Dorf war also
sehr klein. Seine Gassen waren die Hintergasse, die eng und krumm ist wie alle
mittelalterlichen Straßen, die Pfarrgasse, heute Hauptstraße, die erst 1834 planiert und
chaussiert wurde, die winklige Kellereigasse, sowie einige Gässchen, von denen eins, das
von der Hauptstraße zur Hintergasse verläuft, noch erhalten ist. Die Gassen befanden
sich in einem sehr schlechten Zustande und waren auch lange nicht so vollständig mit
Häusern ausgebaut, wie sie es heute sind. Schulstraße, Waldgasse, Södeler Straße, der
südliche Teil der Hintergasse, die Verlängerungen der Hauptstraße über Untertor bzw.
Haingraben hinaus sind neu. Außerhalb der beschriebenen Dorfbefestigung lagen zunächst
die Krautgärten oder Länder, die mit Hacke und Spaten bearbeitet wurden, und
in weiterem Umkreis folgten dann die Felder.
Die älteren Leute in Steinfurth
können sich noch an den Haingraben erinnern. Er hatte aber längst nicht mehr seine
ehemalige Bedeutung und sein ursprüngliches Aussehen, sondern war ein Schmutzgraben, der
allerlei Abwässer und Unrat aufnahm und oft unangenehmen Gestank verbreitete. In alten
Flurkarten ist er als Haingraben eingetragen. In dem dörflichen Hausnamen
Groaweschuster (der an dem Graben wohnende Schuster) hat uns der Volksmund
eine bleibende Erinnerung an den Haingraben bewahrt. Die Gesamtbefestigungsanlage: Graben,
Wall, Hecke, Tore, war zwar keine sichere Befestigung gegen ernstlich angreifende
Kriegstruppen, bot aber immerhin einigen Schutz vor mancherlei unangenehmen
Überraschungen durch wilde Tiere, Diebes- und Kriegsgesindel in unruhigen Zeiten der
Vergangenheit. |